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Gastkünstlerin

Lissy Pernthaler

Tagebücher an einer Wand. Manches lesbar, manches weiß übermalt. „Empathic Traces” lädt Besucher:innen ein, selbst zu schreiben – ihre Spuren des Menschseins sichtbar werden zu lassen oder bewusst zu schützen. Die aus Kaltern stammende Künstlerin Lissy Pernthaler arbeitet an der Schnittstelle von Performance, Sprache, partizipativer Kunst und Bewusstseinsarbeit. Für sie ist Verletzlichkeit nicht Schwäche, sondern ein Akt des Mutes. Mensch sein heißt hier: fühlen, reflektieren, in Resonanz treten und sich selbst wie anderen mit Mitgefühl begegnen.
 
„Wer fühlt, verbindet. Wer reflektiert, verwandelt.”

Ein wachsendes, atmendes Gedicht

Aus den Spuren, die in den Tagebüchern und an der beschriebenen Wand entstehen, webt Lissy Pernthaler einen Text. Fragment für Fragment, Stimme für Stimme verdichtet sich, was Menschen über ihr Mensch-Sein geteilt haben – zu einem Gedicht, das während der gesamten Ausstellung weiter wächst. Eingesprochen von der Künstlerin. Ein kollektives Echo zum Innehalten.

Aktuelle Länge & Stand: 10:15" | 13.06.2026 | Work in Progress

 
Das Gedicht
Empathic Traces – Reflecting on Being Human

Empathic Traces.

Ich bin menschenleer.
Und Gefühl-voll.
Gefüllt von...
dem allem was mich hier her geführt hat.

Un percorso incantevole
intessuto di briciole di…
magia, fortuna, fato
e un cuore pulsante.

Ein Herzpulsar der sich mit Zeit, 
Raum und Göttlichkeit
zu einem Menschenleben verbindet.
Und beginnt Spuren zu hinterlassen.

Diese Spuren,
die mich zeichnen,
manche Linien schemenhaft verbunden,
manche dick und fett,
andere punktiert,
manche in Farbe,
andere nur wie mit Bleistift skizziert...

Etwas hat mich ins Leben geatmet,
aus dem Fruchtwasser des Universums gepresst 
und ich bin in dieses Leben geflutscht.
Verschmiert, verklebt und zerknautscht.
Damals, mit dem ersten Atemzug,
hat mein Herz sich voll Welt gesogen.

Seitdem hinterlasse ich
empathische Spuren,
Tracce empatiche.

Synchronize me.
Synchronisiere mich.

Mit was, dem Leben?
Welchem Leben.
Was ist das?

Ich fühle mich so menschenleer.
Atemvoll und schwerelos von Bedeutung.

Ich sammle.
Augenblicke. Geschichten. Ablenkungen.
Erfahrungen.
Ich lasse mich gern vertreiben, 
vertreibe meine Zeit mit…
Gedichte schreiben. 
An dich schreiben?
Diese Zeilen ans Leben schreiben.

Um zu Heilen. Atemzug für Atemzug, darum geht es doch.
Vom ersten Atemzug an, den ich genommen habe.
Mit Luft aus Sternenstaub.

Aber so manches Mal sabotiere ich mich.
Wurde ich sabotiert?

Ich habe Angst. 
Oft das Gefühl, umsonst auf der Welt zu sein. 
Unzulänglich zu sein.
Ich müsste ja alles schon wissen, 
mich selbst aus diesem Strudel befreien können. 
Oh, wie ich mich für meinen Zustand schäme!
Immer dieses Vergleichen…

Vorrei nascondermi.
Nella tana del pianeta.
Dem Planeten der mir Heimat geworden ist.
Der mich hat Verglühen sehen in der Atmosphäre,
nur um als Menschenseele wieder geboren zu werden.
Ich möchte seinen Schutz suchen. 
Mich einnisten wie neues Leben im Schoß der Erde, 
weil ich Gefallen finde am Leben. 
Auch wenn ich es nicht immer verstehe. 
Nicht begreife, greifen kann. 
So manches Mal greift das Leben zu hastig nach mir
und ich verschlucke mich am Leben,
und muss aufpassen, dass es mich nicht verschluckt.

Quella cosa che la rabbia mi ha insegnato
è che ho il diritto di essere arrabbiata.
Mich mutig dem wütenden Leben stellen darf.

For only then can I be touched.
I may be vulnerable,
but I am real. Raw.
And then:
touch.
deepening.
entry into my system.
sensuality and merging.

Du fragst mich, was mich nährt?
Diese Verbindung zu spüren. 
Die Liebe zu meinen selbst auserkorenen Lieblingsmenschen. 
Die Liebe als etwas zu spüren, was im Austausch ist.
Die Liebe füllt das da-zwischen.
Fluide. 
Nicht wechselhaft, 
sondern es bewegt sich durch uns,
zwischen uns und mit uns, 
es ist kein Konstrukt, nichts Antrainiertes. 
Diese Liebe ist pur.
Potentialliebe.

What if we are all just sparks of potential
in the living weave of the universe,
meant simply to dance with one another,
to send sparks flying and let each other glow,
simply to touch
and to let ourselves be touched.

Und ich bin beides und alles gleichzeitig.
Liebe und Angst.
Und Zweifel und Mut.
Und Wachstum und Stillstand.
Atempause und atemlos.
Erfüllt und überfüllt.
Das ist verwegen menschlich.
I allow myself to feel everything all at once.
I allow myself to feel everything all at once.
Gefühle müssen gefühlt werden.
Druck raus aus dem Verdrängungssystem.
Dem allem Luft machen.
Ich fühle, also bin ich.
Ich fühle, also bin ich.
Und in mir keimt ein Wunsch auf -
vielmehr ein Traum und ich beobachte die vorbeiziehenden,
in Leichtigkeit segelnden Vögel am Firmament des Lebens.

Gli uccelli sono esseri liberi.
Perché possono volare.
Fanno parte di un gruppo a cui io non appartengo.
Allora mi sento diversa, al di fuori.
Sono diventata un camaleonte che imita i colori che lo circondano.
La ricerca di una mia identità dura già la mia intera vita.

Sto osservando.
Provo tante cose.
Cose nuove, interessanti, proibite, noiose, 
ma quasi mai mi sento libera di esprimermi 360°.
Ho sempre la sensazione di dover nascondere qualcosa
per poter far parte del mondo,
per far parte del gruppo.

Identità.
I - come ipersensibilità.
Il mondo che conosco fin'ora 
non è fatto per pelli sensibili, allora mi sono nascosta.

Mi piace il fatto di poter cambiare colore.
Anche se non posso volare, 
il cambiare colore potrebbe essere la mia sensazione di libertà personale.
Poter cambiare colore, direzione, opinione, sogno, sentimento
come e quando voglio io.

Qual'è infine la mia paura per non mostrarmi?
Di non bastare.
Di non essere amata.
Di non poter sopravvivere.
Per ciò che sono.

Allora sto lì
e mi incollo le ali.
Un camaleonte nascosto nella matassa della vita,
in attesa che le ali di carta incollate gli crescano addosso.
Per il momento continuo a sognare di volare.
E mi esercito a volare nei miei sogni.

Was, wenn meine Träume irgendwann versteinern?
Wie vom Sonnenlicht geblendete Trolle.
Weil sie zu lange in meinem angsterfüllten System gewütet haben
ohne mich wirklich zu verändern?

Ich mach' mich auf.
Ich öffne mich.
Stelle meine Antennen auf Empfang und mein Inneres auf Senden.
Balanceakt.
Senden - Empfangen - Senden.
Was will ich hinterlassen
in meiner Welt?
Wohin soll mein Herzpulsar expandieren?

Nahbar.
Fühlbar.
Berührbar.

Verbunden.

Was, wenn meine Träume sich irgendwann erfüllen?
Wie von Gott auf die Stirn geküsste Kinder.
Weil ich es mir erlaube, zu träumen, 
wage zu hoffen,
leise werde für mich.
Um mir selbst Platz zu machen.

Lissy Pernthaler

Stand des Gedichtes: 13.06. Work in progress. Es wird weiter wachsen.






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Eine Einladung, dir selbst näher zu kommen – durch Schreiben. Über 20 bis 30 Tage führst du ein Tagebuch, begleitet von poetischen Impulsen, die du täglich erhältst. Am Ende entscheidest du selbst, was sichtbar bleiben darf und was du bewusst bei dir behältst. Deine Spuren werden Teil der Ausstellung in der Triennale Klausen.
Wenn dich etwas daran ruft, schreib dich ein – und komm schreibend näher. Dir selbst und anderen.
#tiefseelentauchen

 

 

Zur Anmeldung
Über die Künstlerin
Lissy Pernthaler
Lissy Pernthaler, geboren 1983 in Bozen, aufgewachsen in Kaltern am See. Sie ist Schauspielerin, Autorin und (Performance-)Künstlerin. Sie schreibt Gedichte, Prosatexte, Theaterstücke und Drehbücher. Ausgezeichnet mit zahlreichen Literaturpreisen.
Auf der Suche nach einer neuen Form, um ihre Gedichte nebst einer klassischen Lesung zu präsentieren, kreiert Lissy ab 2007 Performances. Immer mehr wechselt dabei der Fokus vom Aufführungscharakter hin zu performativen Aktionsräumen, in denen die Zuschauer selbst aktiv in die Erfahrung eines Prozesses eintauchen. Mit ihrem Performance-Label blütenwerfer performances kreiert sie erfahrbare Seelenbilder.
Schauspielstudium in Berlin, Studium der Europäischen Medienwissenschaft in Potsdam. Sie ist Lehrerin für Meditation, Yoga und Bewusstseinsentfaltung.
Was mich zum Thema „Mensch sein“ inspiriert hat
Mich hat die Vielstimmigkeit des Menschseins inspiriert – das, was wir zeigen, und das, was wir für uns behalten. Mensch sein bedeutet für mich, in diesem Spannungsfeld zu leben: zwischen Innen und Außen, zwischen Verletzlichkeit und Ausdruck.
Was uns ausmacht, ist die Fähigkeit, unsere Empathie bewusst zu gestalten – für das Miteinander, aber auch für uns selbst. Verletzlichkeit ist dabei keine Schwäche, sondern ein Akt des Mutes. Mit „Empathic Traces" möchte ich Räume öffnen, in denen Menschen ihre eigenen Worte finden, ins Fühlen kommen – und selbst entscheiden, was davon in die Welt darf, um andere in ihrem Menschsein zu berühren.
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