Christian Gufler | *1971 in Meran, lebt in Lana
Christian Gufler ist klassisch gelernter Fotograf „der alten Schule“, wie er selbst betont – ausgebildet in Meran und München, seit 1994 in der Werbefotografie zu Hause: Auto und Mode, Luftaufnahmen aus dem Hubschrauber, danach über zwanzig Jahre mit eigenem Studio in Südtirol. Parallel wuchs seine künstlerische Leidenschaft, er fotografiert „Lost Places“, verlassene Orte rund um die Welt. Der Reiz des Verbotenen, der Zauber des Vergessenen und die Geschichte dahinter: Christian holt das Verborgene ans Licht, lässt den morbiden Charme dieser Orte neu aufscheinen und stemmt sich mit seinen Bildern gegen Verfall und Vergänglichkeit. Ein liebevoller Stups eines Kunden und Künstlerkollegen führte ihn schließlich ganz in die Kunst. Mit 55 verkauft er sein Fotostudio – für andere unverständlich, für ihn ein Befreiungsschlag, auch weil die KI seinen Beruf schneller verändert, als ihm lieb ist. Heute sucht er einen neuen Weg: Permakultur, draußen sein, Schaufel und Pickel – und mit der Kamera weiter künstlerisch die Welt erkunden.
„Menschheitsfamilie“
Dreißig Menschen hat Christian Gufler in seinem Studio in Lana vor die Linse geholt – gleiches Licht, gleicher Hintergrund, gleiche Einladung: darunter eine Klosterfrau, ein Querschnittsgelähmter, eine blinde Torballspielerin, eine 88-Jährige mit Kriegskindheit. Die Idee kam ihm in Rom, als er mitten auf einem überfüllten Platz stillstand und Menschen aller Nationen an ihm vorbeiströmten – er war einer unter vielen. Hier in der Apostelkirche kehrt er das nun um: Auf fünfzehn beidseitig bedruckten Fahnen hängen die dreißig lebensgroßen Porträts, und wer hindurchgeht, hat in jede Richtung einen Menschen vor sich. Zuerst wollte Christian alle in Schwarz-Weiß zeigen, um Gleichheit zu wahren – beim Fotografieren verstand er es anders: Gleichwertigkeit braucht die Farbe, die roten Haare, die Hauttöne, das Eigene jedes Einzelnen. Eine Audiocollage lässt jede:n in der eigenen Sprache von sich erzählen, sodass auch blinde Besucher:innen in die Menge eintauchen. Was als Konzept über Gleichwertigkeit begann, wurde für ihn selbst zur Lektion – die Lebensgeschichten der dreißig haben ihn verändert. So entstand eine Menschheitsfamilie.