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Bildhauersymposium "Kunst am Keschtnweg"

Wo gehobelt wird, da fallen Späne

Ohrenbetäubender Lärm im sonst so lauschigen Klausner Kapuzinergarten, Späne fliegen durch die Luft, es riecht intensiv nach Holz und Essig. Die Nase kann sich nicht entscheiden zwischen angenehm und unangenehm, die Ohren wollen weg, die Augen hin. Motorsägen fräsen sich in riesige Kastanienbaumstämme, die seit dem verheerenden Sturm „Vaia“ 2018 auf ihre Bestimmung warten. Sie haben locker 200 Jahre auf dem Buckel. Nach Kunst sieht es hier erst einmal nicht aus.

Doch die sechs vermummten Damen und Herren, die sich mit ihren Kettensägen am Kastanienholz zu schaffen machen sind Meister:innen der Holzbildhauerkunst. Unter 30 Bewerber:innen haben sie sich mit ihren Entwürfen für neue Holzskulpturen am Keschtnweg durchgesetzt. „Relax on Art“ war das Motto des diesjährigen Wettbewerbs und nun sind sie angereist - aus China, Deutschland, Österreich, der Tschechischen Republik und verschiedenen Regionen Italiens, um innerhalb von vier Tagen ihr Kunstwerk zu realisieren.
Nach Kunst sieht es hier erst einmal nicht aus.
Inmitten des Lärms wuselt Simon Rauter, die gute Seele des Projektes. Er packt mit an, wenn das Holz störrisch ist und sorgt für gute Laune. Simon war es, der 2016 die Idee hatte, dem unter Wanderern immer beliebteren Kastanienweg etwas Kunst in den Weg zu stellen.

Valentino Giampaoli aus den Marken streichelt über seinen Holzklotz, der ihm mit einer wunderschönen Maserung in Form eines riesigen Auges ein echtes Geschenk bereitet hat. Das genaue Hinsehen um die natürliche Geometrie eines Objektes zu entdecken, ist bei ihm Programm. „Galileo Galilei hat das schon vor 450 Jahren so gemacht.“ Youyu Ren dagegen rinnt der Schweiß aus allen Poren. Kraftvoll schwingt er seine Axt. Für ihn ist Holz kein williges Material, es gibt seine Geheimnisse nicht so leicht preis. Genauso wie der Wolf, der unter seinen geschickten Händen immer mehr Gestalt annimmt – er fletscht seine Zähne, sein Fell ist wild und zottelig.
Der Keschtnweg führt von Vahrn bei Brixen die Hänge des Eisacktals entlang bis hin zum Rittner Hochplateau und hinunter in den Bozner Talkessel. Abwechslungsreich verbindet er Mischwälder, sattgrüne Wiesen und imposante Kastanienhaine mit immer wieder spektakulären Aussichten. Noch sind die Plätze für die Kunstwerke nicht gefunden und vergeben. Simon will sich dafür Zeit lassen. Die von Marketa Varadiova geschaffene elegante Skulptur mit Glasperlenelementen braucht einen lichten Standort, der Wolf wird die Wander:innen im dunklen Wald überraschen.

„Eigentlich sind die alten, verdrehten Kastanienbäume Kunstwerke für sich“ sagt Simon. „Doch mit den gestalteten Skulpturen bringt sich auch der Mensch ein, der diese Kulturlandschaft seit Jahrhunderten prägt. Für die Südtiroler waren und sind diese Kastanienbäume Lebenselixier, Nahrungsquelle sowie Stoff für Geschichten und Legenden. Als Ausstellungsstücke entlang des Keschtnwegs sollen sie die Wander:innen zum Nachdenken und Staunen bringen und mit den aktuellen Werken auch zum Relaxen.“

Text: Sylvia Pollex
Fotos: Thomas Rötting
Veröffentlichung: 2022