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Keschtnigl

Ein Dorf im Keschtnrau(s)ch

Rauchschwaden hängen über dem Dorf Feldthurns, doch an diesem Novembertag ist das definitiv kein Fall für die Feuerwehr. Der Dunst stammt von kleinen Öfchen, deren selbstgebastelten Designvarianten allein eine Fotostrecke wert wären. Auf ihnen braten die Feldthurner:innen ihre »Keschtn«, wie die Esskastanien im Südtiroler Dialekt genannt werden.

Es ist »Keschtnigl Sunntig«, das rauschende Abschlussfest für die Kastanie, nachdem sie drei Wochen lang mit Veranstaltungen, Verkostungen und zwei Märkten gefeiert wurde. Das ganze Dorf ist auf den Beinen um eigene Produkte zu verkaufen, die typischen Törggelengerichte zu verkosten oder bei einem Gläschen Wein zu ratschen.
Feldthurner:innen braten ihre »Keschtn«, wie die Esskastanien im Südtiroler Dialekt genannt werden.
Esskastanien waren über Jahrhunderte ein wichtiges Grundnahrungsmittel in den Bergen. Die anspruchslosen Bäume gediehen auch auf steinigen Hängen und ihre Früchte lieferten viel Energie, Vitamine, Ballaststoffe sowie wertvolle Mineralstoffe. Getrocknet oder zu Mehl verarbeitet, waren Kastanien lange haltbar und vielseitig nutzbar. Die Jahrzehnte, in denen sie seit Ausgang des 19. Jahrhunderts dank einer einfacheren Lebensmittelversorgung in Vergessenheit gerieten, haben den Bäumen nichts anhaben können. Sie stehen an den Hängen des Eisacktals schon seit 300, manche sogar seit 400 Jahren. Sie waren also schon da, als das berühmte Gemälde von Raffael, die »Sixtinische Madonna« in einem Pferdkarren auf dem Weg von Piacenza durchs Eisacktals hindurch zum Sächsischen König nach Dresden gebracht wurde oder Goethe auf seiner Italienreise war.

Ihre Renaissance verdanken die Früchte einer Rückbesinnung auf alte Traditionen und Nahrungsmittel. Parallel zum Erstarken des Tourismus in den 1960er und 1970er Jahren, begann die Kastanie in Südtirol wieder interessant zu werden. Seither treffen sich nicht nur - wie seit dem Mittelalter üblich - die Bauern, Bäuerinnen und Helfenden nach erfolgreicher Ernte zum Törggelen, sondern auch die Tourist:innen. In der »fünften Jahreszeit« öffnen die Buschenschänke ihre Türen und reichen zum jungen Wein verschiedene traditionelle Südtiroler Gerichte, eine Marende mit Speck oder gebratene Kastanien.
300 Jahre alt – und immer noch in aller Munde: die Kastanie ist schon lange in Feldthurns heimisch.
Die gibt es natürlich auch auf dem Keschtnigl-Fest, wo man sich entlang der Dorfgasse von Stand zu Stand törggeln kann. Zum Verein des Feldthurner Kirchenchors beispielsweise, wo süße Krapfen mit Marmelade, und Erdäpfelblattlen mit Sauerkraut frisch produziert und gereicht werden. Auch zwei Keschtn-Öfen sind hier im Dauereinsatz. »Kastanien richtig zu rösten ist eine Wissenschaft«, sagt Michael vom Loamgruberhof. »Es gibt verschiedene Sorten, und jede braucht ihre eigene Behandlung. Manche müssen nachgaren, andere nicht. Jeder hat da sein eigenes Rezept. Ich mag sie knusprig, mit aufgeplatzter, leicht ablösbarer Schale – und dafür braucht es ein ordentliches Feuer.«

Plötzlich strömen alle zur St. Laurentius-Kirche mit ihrem schiefen Turm im Dorfzentrum. Acht junge Männer tanzen im Kreis mit einer runden Holzplatte über den Köpfen. Darauf ein weiterer Mann, den sie schwungvoll mehrere Meter hoch in die Luft werfen. Es ist eine besonders akrobatische Einlage der Garner Schuhplattler, die bei diesem traditionellen Tanz ihre Kraft und Geschicklichkeit demonstrieren um zu imponieren. Jedenfalls war das früher das Ziel des Schuhplattelns, doch angesichts des begeisterten Publikums scheint es noch immer zu funktionieren. Anschließend gibt es Musik.
Wer genau hinschaut, erfährt, warum es in den Südtiroler Dörfern so lebendig zugeht. Nahezu alle Bewohner:innen engagieren sich in einem oder mehreren Vereinen. Diese tragen viel zum Gelingen von Dorffesten bei und sammeln nebenbei Gelder für ihre Aktivitäten oder einen guten Zweck. Nagila Proatladia beispielsweise unterstützt mit dem Verkauf von leckeren Schinkenplatten und Wein die Südtiroler Ärzte und Ärztinnen, die sich in Afrika engagieren und der Klimakreis Feldthurns veranstaltet einen Second-Hand-Markt für gebrauchte Kleider. »Ich bin beeindruckt vom Engagement der Leute und von ihrer Kreativität.« erzählt Rosamunde, die selbst für mehrere Vereine im Dorf aktiv ist. »Es gibt so viel schöne Stände: typische Südtiroler Handwerkskunst wie Holzschnitzereien oder Federkielstickereien aber auch handgestrickte Mützen, selbstgenähte Jacken oder Keramik.« Sie schnappt sich ein Glas Feldthurner Rotwein und prostet mir zu.
»Mir jedenfalls taugt das Feschtl volle guat.«
Text: Sylvia Pollex
Foto: Thomas Rötting
Veröffentlichung: 2025

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